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Für Coaches · 13. Mai 2026

Wenn der Coach falsch liegt und der Markt recht hat

Es gibt einen Moment, den viele erfahrene Gründercoaches kennen. Man sitzt einem Gründer gegenüber, hört sich das Konzept an und denkt innerlich: Das wird nicht funktionieren. Zu nischig. Zu kompliziert. Zu früh.

Und dann funktioniert es doch.

MyMuesli ist so ein Fall. Ein individuell zusammenstellbares Müsli, per Internet bestellt, in kleinen Mengen produziert. Für viele Beobachter zum damaligen Zeitpunkt kein offensichtliches Geschäftsmodell. Der Markt hat das anders gesehen.

Solche Momente sind lehrreich. Nicht weil Coaches keine Urteile haben sollten, sondern weil sie zeigen, wo die Grenzen von Erfahrung liegen.

Erfahrung ist immer rückwärtsgewandt

Was einen guten Gründercoach ausmacht, ist unter anderem die Fähigkeit, Muster zu erkennen. Wer viele Gründungsprozesse begleitet hat, sieht schnell, wo typische Fehler lauern, welche Annahmen unrealistisch sind und welche Märkte schwierig zu erschließen sind. Das ist wertvoll.

Aber Erfahrung hat eine strukturelle Schwäche: Sie basiert auf dem, was bereits passiert ist. Neue Märkte, neue Technologien und neue Nutzerverhalten entstehen oft genau dort, wo die bisherige Erfahrung keine verlässliche Orientierung mehr bietet.

Das ist das grundlegende Spannungsfeld im Gründercoaching: Die eigene Einschätzung ist nie neutral. Sie ist immer gefärbt durch das, was man selbst erlebt, beobachtet und gelernt hat.

Die Frage ist nicht, ob man ein Urteil hat

Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass Coaches keine eigene Meinung zu einem Geschäftsmodell entwickeln. Das passiert. Und manchmal ist es sogar hilfreich, wenn diese Einschätzung transparent gemacht wird.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Coach ein Urteil hat. Die Frage ist, was er damit macht.

Es gibt einen Unterschied zwischen "Ich glaube, dieser Markt ist schwierig, weil..." und "Das wird nicht funktionieren." Ersteres öffnet ein Gespräch. Letzteres schließt es. Ein Coach, der seine eigene Einschätzung als Tatsache behandelt, engt den Reflexionsraum des Gründers ein, genau dort, wo er am weitesten sein sollte.

Begleiten statt urteilen

Was bedeutet das in der Praxis? Nicht, dass ein Coach schweigen soll, wenn er Bedenken hat. Sondern dass er diese Bedenken als das kennzeichnet, was sie sind: seine persönliche Einschätzung, nicht die objektive Wahrheit.

Die eigene Reaktion wahrnehmen, ohne ihr sofort zu folgen. Wenn man innerlich denkt "Das wird nicht klappen", ist das ein Signal, keine Aussage.

Einschätzungen als Hypothesen formulieren. Statt "Das ist zu nischig" lieber: "Meine Erfahrung sagt mir, dass sehr enge Märkte oft langsam wachsen. Was sagen deine Daten dazu?"

Den Gründer zum eigentlichen Experten machen. Ein Coach kennt viele Unternehmen von außen. Ein Gründer kennt sein Unternehmen von innen. Die Frage "Was weißt du über diesen Markt, das ich nicht weiß?" ist oft ergiebiger als jede eigene Einschätzung.

Aushalten, dass man es nicht weiß. Ein Coaching endet manchmal ohne klare Antwort. Das ist kein Versagen. Es ist die ehrliche Einordnung der eigenen Rolle.

Was der MyMuesli-Moment lehrt

Coaches, die solche Momente erlebt haben, beschreiben sie oft als wichtige Korrektive. Nicht weil sie falsch lagen, sondern weil sie gelernt haben, was das bedeutet: dass Marktentwicklungen sich nicht aus Erfahrung allein ableiten lassen. Und dass die begleitende Rolle eines Coaches nicht darin besteht, Erfolg vorherzusagen, sondern darin, den Gründer in die Lage zu versetzen, selbst gute Entscheidungen zu treffen.

Das ist ein bescheidenes, aber anspruchsvolles Verständnis von Coaching.

Hagedorn, A. (2017). The Impact of Social Capital for Venture Creation. Dissertation, HHL Leipzig Graduate School of Management.

© Dr. Anja Hagedorn · smartcompass.app